Der Herbst und das Jahresende laden uns dazu ein, kurz innezuhalten: Bunte Blätter fallen, die Tage werden kürzer – Zeichen dafür, dass Veränderung Zeit braucht. Auch im Bereich Nachhaltigkeit gilt: Wer wirklich etwas bewegen will, braucht nicht nur Energie, sondern Geduld, Ausdauer und die Bereitschaft, langfristig zu denken.
Im Kontext von Forschung, Lehre und Wirtschaft heißt das: Nachhaltigkeit entfaltet ihre Wirkung erst über Zeit – nicht im Sprint, sondern im nachhaltigen Gestalten.
Zeit als unterschätzte Dimension der Nachhaltigkeit
Zeit wird oft übersehen, wenn über Nachhaltigkeit gesprochen wird. Doch sie ist eine Schlüsselressource: Entscheidungen heute beeinflussen Wirkungen morgen – und oftmals sogar über Generationen hinaus. In der Konsum- und Verhaltensforschung zeigt sich, dass Zeitnutzung, Zeithorizonte und Alltagsroutinen eng mit nachhaltigem Handeln verbunden sind.
Für Hochschulen, Unternehmen und Forschungseinrichtungen bedeutet das: Strategien müssen Zeithorizonte berücksichtigen – nicht nur das nächste Semester, das nächste Jahr oder den nächsten Report.
Forschung: Nachhaltigkeit braucht langen Atem
In der Forschung ist nachhaltige Wirkung keine schnelle Sache. Wandel entsteht selten sofort – vielmehr braucht es Zeit für Experimente, Wiederholungen und Anpassungen. So etwa im Bereich Mission-orientierter Innovationsprogramme: Eine 20-Jahres-Analyse im österreichischen Gebäudesektor zeigt, wie wichtig Kontinuität und langfristige Ausrichtung sind. Für Förderprogramme, Projektplanungen und F&E bedeutet das: Zeiträume von mehreren Jahren sind nötig – Evaluation, Skalierung und Lernen brauchen Raum.
Lehre: Zeitbewusstsein als Bildungskompetenz
Nachhaltigkeit in der Lehre heißt nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch Haltungsschulung: Studierende sollen verstehen, dass nachhaltiges Handeln Zeit braucht. Wenn Zeit als Ressource gedacht wird – etwa im Sinne von Zeit für Reflexion, Veränderung, Wachstum – eröffnet sich eine tiefere Perspektive auf Nachhaltigkeit. Praxisimpulse könnten sein: mehrsemestrige Projektarbeiten statt schneller Aufgaben, Reflexionsphasen einbauen, Zeiträume bewusst verlängern – damit nachhaltige Lern- und Handlungsprozesse entstehen.
Wirtschaft: Vom Quartalsdenken zum Generationendenken
In vielen Unternehmen dominiert das kurzfristige Denken: Ergebnisdruck, Quartalszahlen, schnelle Optimierung. Nachhaltigkeit jedoch fordert eine andere Logik: Langfristige Wirkung vor kurzfristigem Gewinn. Studien zeigen, dass eine langfristige Orientierung („long-term orientation“) positive Effekte auf Innovation und Leistung hat.
Für Unternehmen heißt das konkret: Strategien formulieren, die fünf, zehn oder mehr Jahre im Blick haben. Zwischenziele setzen, aber nicht nur auf schnelle KPIs schauen. Führungskräfte müssen Zeiträume verankern, in denen Nachhaltigkeit wirken kann. Auch an der FH CAMPUS 02 denken wir langfristig: Unser Ziel ist es, bis 2040 deutliche Fortschritte bei der Reduktion von Treibhausgasen zu erreichen und Nachhaltigkeit fest in Lehre und Forschung zu verankern. Wir arbeiten derzeit an einem klaren Maßnahmenpfad – und werden euch in den nächsten Ausgaben über unsere Schritte dorthin auf dem Laufenden halten.
Impulse zur Umsetzung im Herbst
- Zeit für Reflexion und Lernen einbauen: Nachhaltigkeit braucht Raum zum Reflektieren. Lehrende können Studierende regelmäßig anregen, über ihre Ergebnisse, Entscheidungen und deren langfristige Wirkung nachzudenken. Aber auch in Projekten ist es wichtig, Retrospektiven oder Lernschleifen in die Prozesse einzubauen – nicht nur zur Fehlervermeidung, sondern zur systematischen Verbesserung nachhaltiger Maßnahmen.
- Prozesse entkoppeln von kurzfristigem Druck: In Forschung und Wirtschaft entsteht oft Druck durch Reporting oder Quartalszahlen. Ein bewusster Schritt: Prozesse so gestalten, dass sie langfristige Wirkung fördern, ohne auf kurzfristige KPI‑Ergebnisse fixiert zu sein. Das kann z. B. die Bewertung von Forschungsprojekten nach Nachhaltigkeitswirkung über mehrere Jahre sein.
- Nachhaltigkeit funktioniert selten isoliert. Forscher*innen, Lehrende und Unternehmen können Kooperationen über Jahre pflegen – z. B. interdisziplinäre Netzwerke, Alumni-Projekte oder langfristige Partnerschaften mit Unternehmen und NGOs. So entsteht kollektives Wissen, das über einzelne Projekte hinauswirkt.
Fazit
Zeit und Nachhaltigkeit gehören untrennbar zusammen. Wer nur kurzfristig denkt, wächst zwar schnell – aber kaum dauerhaft. Wer aber Zeithorizonte bewusst mitdenkt, legt den Boden für echte Wirkung. Der Herbst zeigt uns: Wandel braucht Raum, Zeit und wiederkehrende Rhythmen. Wer Zeit einplant, kann Nachhaltigkeit wirklich wirken lassen.