Foto der beiden Gründer von Bye Again

Studieren. Gründen. Skalieren: Eine Erfolgsgeschichte aus Graz

Wie lassen sich technisches Know-how, Innovationsgeist und unternehmerischer Mut sinnvoll verbinden? Die Gründer von ByeAgain und Absolventen des Departments Automatisierungstechnik haben genau diesen Weg eingeschlagen – mit einer außergewöhnlichen Studienkombination an der FH CAMPUS 02 und der gleichzeitigen Gründung eines Start-ups. Im Gespräch erzählt Wolfgang Weingraber und Jan Kranner, warum sie Automatisierungstechnik und Innovationsmanagement parallel studiert haben, welche Kompetenzen sie daraus für ihren unternehmerischen Weg mitnehmen konnten und wie aus einer Idee ein europaweit tätiges Refurbishment-Unternehmen wurde. Außerdem geben sie Einblicke in ihre datengetriebene Technologie, ihre Vision für die Kreislaufwirtschaft und wertvolle Tipps für Studierende, die selbst etwas bewegen wollen. 

 

Ihr habt zunächst das Bachelorstudium Automatisierungstechnik abgeschlossen und euch danach entschieden, die beiden Masterstudiengänge Automatisierungstechnik-Wirtschaft und Innovationsmanagement an der FH CAMPUS 02 parallel zu absolvieren. Was hat euch zu dieser Kombination motiviert?

Wir haben in der Kombination der beiden Studiengänge ein ideales Match gesehen. Durch die Verbindung von tiefem technischem Know-How mit den Werkzeugen des Innovationsmanagement, lassen sich Ideen erfolgreich in die Praxis umsetzen. Während der Studienzeit waren wir gerade in den Anfängen unseres Startups, wodurch wir die gelernte Theorie direkt für den Aufbau unseres Unternehmens nutzen konnten. Und eines ist klar: Beim Aufbau eines Start-ups ist Time-to-Market entscheidend – warum also nicht beide Studiengänge parallel absolvieren, um das Wissen schnellstmöglich abzurufen und ins Tun zu kommen?  

 

Rückblickend: Welche Kompetenzen aus dieser Studienkombination waren für eure unternehmerische Laufbahn besonders wertvoll?

Ich glaube, das lässt sich nicht auf eine einzelne Kompetenz herunterbrechen. Vielmehr ist es der Blick auf das große Ganze, den wir im Studium vermittelt bekommen haben. Eine innovative technische Lösung allein reicht nicht aus, um ein Produkt erfolgreich am Markt zu etablieren.

Umgekehrt bleibt auch die beste Idee wirkungslos, wenn sie nicht technisch umgesetzt werden kann. Gerade die Kombination der beiden Studiengänge hat uns geholfen, wichtige Zusammenhänge zu verstehen. 

 

Wie ist die ursprüngliche Idee zu ByeAgain entstanden – gab es ein konkretes Problem oder einen Aha-Moment, der alles ins Rollen gebracht hat? 

Die ursprüngliche Idee – ein Refurbishment-Marktplatz für Kinderartikel – ist durch Gespräche im eigenen Bekanntenkreis entstanden. Wenn man immer wieder vom selben Problem hört, wird man aufmerksam und beginnt sich irgendwann genauer damit zu beschäftigen. Inzwischen hat sich unser Business weiterentwickelt. Wir bieten ein Refurbishment-Service für Marken und Handelsunternehmen in ganz Europa, um deren Retour- und B-Ware kontrolliert aufzubereiten und in den Wiederverkauf zu bringen. Auch wenn das nicht mehr exakt unserer ursprünglichen Idee entspricht, hat es den Startschuss gebraucht, um uns über die Jahre dorthin weiterzuentwickeln. 

 

ByeAgain setzt auf ein selbst entwickeltes, lernendes System zur Zustandsbewertung von Produkten. Könnt ihr erklären, wie dieses System funktioniert – auch für Nicht-Techniker verständlich? 

Das Thema „Refurbishment” ist in der Elektronik-Branche weit verbreitet und stark gewachsen, da Produkte sehr standardisiert sind und sich durch Robotik-Lösungen vollautomatisiert aufbereiten lassen. In vielen anderen Märkten, wie etwa bei Babyartikeln oder Gartengeräten, funktioniert das derzeit leider nicht, weil Produkte und deren potenzielle Mängel zu vielfältig sind. Um Refurbishment von nicht-standardisierten Konsumprodukte jedoch wirtschaftlich durchzuführen, setzen wir auf einen datengetriebenen Ansatz. Unser System erstellt automatisiert Refurbishment-Anweisungen für jedes einzelne, individuelle Produkte in unserem Warehouse. Die durchzuführenden Schritte werden den Operatoren über ein User Interface direkt am Arbeitsplatz angezeigt. So werden nur die notwendigen Tätigkeiten durchgeführt und ein einzelner Mitarbeiter muss kein Fachwissen über eine Produktpalette von über 10.000 unterschiedlichen Artikeln besitzen. Genau diese Reduktion von Verschwendung steigert die Gesamteffizienz und ermöglicht einen positiven Business Case für alle Parteien. 

 

Die große Produktvielfalt und unterschiedliche Mängel gelten als besondere Herausforderung im Refurbishment. Wo steckt dabei aus eurer Sicht das größte Innovationspotenzial? 

Unser größtes Innovationspotenzial liegt im Zusammenspiel von zwei Faktoren. Einerseits ermöglicht unsere Lösung die skalierbare Aufbereitung nicht-standardisierter Produkte. Anderseits sehen wir einen starken Market Pull, da die Nachfrage an refurbished-Produkten bei Endkonsumenten stark steigt. Genau hier bilden wir die Brücke, damit Handelsunternehmen diese Nachfrage bedienen können und gleichzeitig einen finanziellen Mehrwert erzielen. 

 

Wie wichtig ist aus eurer Sicht die Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und unternehmerischer Praxis – gerade im Bereich Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft? 

Forschung ist die Basis für Innovation. Gerade im Bereich der Kreislaufwirtschaft steckt großes Potenzial, um den vermeintlichen Status Quo in unterschiedlichsten Branchen durch neue Lösungen zu überholen. Häufig wird vom Stereotypen gesprochen, dass nachhaltige Lösungen zwingend mit Abstrichen verbunden sind oder keinen wirtschaftlichen Erfolg bringen können. Genau hier setzen neuartige Lösungen an, um dieses Denken in der Praxis zu widerlegen. 

Auch, wenn bereits eine gute Lösung existiert, sollte Forschung ein kontinuierlicher Prozess in der unternehmerischen Praxis sein – ansonsten ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Mitbewerb einen einholt.

Natürlich arbeiten wir auch an Projekten gemeinsam mit Forschungseinrichtungen. Derzeit sind die Technologien noch nicht so weit, um nicht-standardisierte Produkte vollautomatisiert aufzubereiten. In den nächsten drei bis fünf Jahren wollen wir jedoch die Ersten sein, die das wirtschaftlich umsetzen. 

 

Wo seht ihr ByeAgain in fünf Jahren – technologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich? 

Unsere Vision ist es, kreislauforientierte Lösungen zu einem Fixbestandteil unserer Gesellschaft zu machen. Konkret soll Refurbishment nicht länger eine Nische sein, sondern als gelebter Standard neben Neuware im Handel etabliert werden. Um das zu ermöglichen, übernimmt ByeAgain den operativen Layer für Handelsunternehmen. In den nächsten fünf Jahren wollen wir uns als Top-1-Anbieter für das Refurbishment von nicht-standardisierten Produkten in Europa positionieren. 

 

Was möchtet ihr Studierenden mit auf den Weg geben?   

Bleibt neugierig und traut euch aus der eigenen Komfortzone raus. Die Ausbildung wird euch etliche Türen öffnen, den Weg, dadurch müsst ihr aber selbst gehen. Wir haben Industrie-Jobs verlassen, um anfangs gebrauchtes Kinderspielzeug zu reinigen. Was im Nachhinein betrachtet mit einer netten Idee gestartet hat, konnte sich mittlerweile zu einem europaweit tätigen Unternehmen weiterentwickeln. 

Ein Punkt, der auch nicht zu kurz kommen darf: vernetzt euch mit euren Kollegen. Dort entstehen Freundschaften, die weit über das Studium hinausgehen. 

 

© Fotocredit Rasoul Moradi