Manche Lebensgeschichten beginnen leise – und entwickeln dann eine Wucht, die lange nachhallt. Die von Michael Sauer beginnt auf einer Intensivstation – und führt in Hightech-Fertigungshallen, auf das Eisstadion und bis zu ausgezeichneten Forschungsprojekten.
Vom Intensivbett zur Studienzusage. Von der Beinprothese zur prämierten Abschlussarbeit. Vom Eishockeyfan zum Kapitän des Para-Teams der Graz 99ers.
Michael Sauer, Maschinenplaner bei MAGNA POWERTRAIN und Absolvent des Departments Automatisierungstechnik, verbindet technische Präzision mit außergewöhnlicher mentaler Stärke.
Im Interview erzählt er von Rückschlägen, Neuanfängen und davon, warum Neugier und Disziplin oft stärker sind als jede Einschränkung.
Could you briefly introduce yourself and tell us what you are currently doing?
Michael Sauer, 32 Jahre aus Graz, aktuell als Maschinenplaner für die technische Auslegung und Beschaffung von Fertigungsmaschinen und Automatisierungslösungen bei Fa. MAGNA POWERTRAIN in Lannach tätig. Privat bin ich Sektionsleiter und Kapitän vom Graz99ers Para Eishockey Team und laufe immer wieder beim Wings for Life und Grazathlon einbeinig mit Krücken mit. Zusätzlich bin ich beim österreichischen Amputiertenverband einer von vielen Ansprechpersonen für Betroffene von Beinamputationen.
Was hat dich ursprünglich dazu motiviert, Automatisierungstechnik an der FH CAMPUS 02 zu studieren?
Die ursprüngliche Motivation war es mehr über das Thema Automatisierung zu lernen und mich so beruflich weiterzuentwickeln.
Mich interessiert das ganze Knowhow, welches hinter einer automatisierten Anlage steckt, die Konstruktion und Mechanik waren mir bereits bekannt, das ganze Regeln und Steuern dahinter aber noch nicht. Die Motivation rührte um das Verständnis der umfangreichen Prozesse im Hintergrund, welche jeder Automatisierung das Leben einhauchen, um so meinen fachlichen Horizont zu erweitern.
Dein Studienbeginn fiel in eine Phase großer persönlicher Veränderungen. Wie hast du diese Zeit erlebt und was hat dir geholfen, trotzdem am Studium festzuhalten?
Die Zusage zum Studium erhielt ich auf der Intensivstation im UKH-Graz, wenige Tage vor meiner Beinamputation. Auch wenn dieser private Umstand nicht erfreulich war, so war es die Zusage zum Studium umso mehr. Die ca. vier Monate bis zum Studienbeginn waren nicht sehr lange, aber es motivierte mich bis dorthin so fit zu sein, dass ich das Studium antreten kann. Ob im Rollstuhl, mit Krücken oder bereits mit Prothese war mir egal, Hauptsache ich starte im September mit den anderen StudentInnen ins Studium. Sehr wichtig für mich war es auch beim Studiengangsleiter FH-Prof. DI Dr. techn. Udo Traussnigg meine private Situation zu erklären und mit ihm eine Lösung für den Studienbeginn zu finden. Nachdem alles besprochen war, konzentrierte ich mich auf die bevorstehende Amputation und die darauffolgende Reha.
Auch wenn die Tage nicht immer leicht waren und ich mit Schmerzen, offenen Wunden und anderen Wehwehchen zu kämpfen hatte, so war es doch der Studienbeginn, welcher mich immer wieder motivierte weiterzumachen.
Deine Abschlussarbeit hast du im Thema Mechatronische Optimierung einer Beinprothetik geschrieben. Welche technischen Herausforderungen waren bei diesem Thema besonders komplex?
Meine ursprüngliche Motivation verschob sich im Laufe des Studiums dahingehend, dass meine damalige Beinprothese mechatronisch unterstützt war und ich diese verbessern wollte. Eine Herausforderung war es sich in das Thema einzulesen und dann zu überlegen, wie man die Prothese verbessern kann. Nach intensiver Recherche fand ich ein Prothesen Add-On zur Milderung von Phantomschmerzen. Nach einem Telefonat und einem persönlichen Treffen konnte ich die Herstellerfirma davon überzeugen, dass ihr System mehr als das von ihnen angedachte Mildern von Phantomschmerzen kann. Ich bekam also ihr System zum Testen und musste nun ein zweites System zum Gegenprüfen finden, das fand ich an der FH Linz. Die größte Herausforderung war es das Thema auf die Sensorik zu beschränken, den Versuchsaufbau zu überlegen und all die Daten aussagekräftig auszuwerten.
Die wichtigste Erkenntnis der Arbeit war es, dass die einfachen Beschleunigungswerte der Sensorik ausreichen, um die verschiedenen Gangarten zu erkennen und so die Prothese intelligenter machen zu können.
Deine Abschlussarbeit wurde im Studienjahr 2021/2022 mit dem WKO-Forschungsstipendium ausgezeichnet. Was bedeutet diese Anerkennung für dich?
Auszeichnungen und Anerkennungen sind immer schön, vor allem wenn man nicht damit rechnet. Diese Auszeichnung zeigte mir, dass ich mit meiner Arbeit ein Thema gefunden habe, welches nicht nur mich, sondern auch andere beschäftigt und interessiert. Neben dem Stipendium wurde die Arbeit auch vom österreichischem Behinderten Rat und Uniqua im Rahmen des Unikate Ideenwettbewerbs prämiert. Dort lernte ich die Schüler und den Lehrer der HTL Weiz kennen, welche eine Beinprothetik für einen Mitschüler entwickeln. Diese Auszeichnungen haben zum Schulterschluss geführt und wir arbeiten aktuell noch immer an dem Prototyp.
Du bist Kapitän, Sektionsleiter und Trainer vom Graz99ers Para Eishockey Team. Wie bist du zu diesem Sport gekommen? Was hast du aus Eishockey gelernt, das dir auch im Studium und im Berufsleben hilft?
Nach meiner Amputation habe ich mich umgesehen, welche Sportangebote es gibt und was mich interessiert. Nachdem ich immer schon Eishockeybegeistert war und auch in der Hobbyliga für zwei Vereine die Zeitnehmung und Statistik gemacht habe, war mir klar das wird mein Sport. Im Sommer 2018 habe ich das jetzige Team mitbegründet und seit 2019 bin ich Sektionsleiter.
Gleich wie im Para Eishockey ist es auch im Studium einfacher, wenn man als Team agiert. Sei es bei Lerngruppen oder bei Gruppenarbeiten, gemeinsam ist es leichter. Gleiches gilt auch für das Berufsleben, im Team lassen sich Aufgaben einfacher und schneller erledigen.

Was möchtest du Studierenden mit auf den Weg geben?
Ich kann das berufsbegleitende Studium nur jedem ans Herz legen, auch wenn die Anstrengung neben Beruf und privaten Verpflichtungen manchmal sehr herausfordern sind, lohnt es sich am Ende beruflich und privat. Wenn es mal nicht so läuft wie gewollt oder was Unvorhergesehenes passiert, dann sollte man kurz innehalten und auf das zurückblicken, was man bereits geschafft hat.
Mit Disziplin und dem Willen es zu schaffen kann man mehr als nur das Studium bewältigen. Und sollte es mal gar nicht gehen, dann sollte man Kontakt mit der Studiengangsleitung aufnehmen, um gemeinsam einen Weg zu finden.
© Fotocredit Wolfgang Handler (Portrait) und Tünde Kovács (Gruppenfoto)