Georg Jungwirth © Oliver Wolf

Drei Jahrzehnte Hörsaal: Wie Georg Jungwirth die FH CAMPUS 02 wachsen sah

Seit dem ersten Tag steht Georg Jungwirth im Hörsaal der FH CAMPUS 02, zuerst als nebenberuflicher Lehrender, heute als FH-Professor. In 30 Jahren hat er erlebt, wie sich Studierende, Lehre und Hochschulkultur grundlegend verändert haben und was dennoch gleichgeblieben ist. Ein persönlicher Rückblick auf kritisches Denken, Praxisnähe und die Begeisterung für gute Lehre, die die FH CAMPUS 02 bis heute prägt.

 

„An der Uni haben mir die Studierenden vieles einfach geglaubt. An der FH CAMPUS 02 wurde alles hinterfragt – und genau das war das Spannende.“

Georg Jungwirth sagt diesen Satz mit einem Lächeln. Nostalgisch wirkt er dabei nicht, eher aufmerksam und neugierig. Eigenschaften, die ihn seit mittlerweile 30 Jahren begleiten – genauso lange, wie er an der FH CAMPUS 02 lehrt. Seit dem ersten Tag steht er im Hörsaal und hat die Entwicklung der Hochschule nicht nur miterlebt, sondern aktiv mitgestaltet.

 

Vom Marketingstudenten zum Professor

Seinen akademischen Weg begann Jungwirth mit einem BWL-Studium und einem klaren Schwerpunkt im Marketing. Berufliche Stationen führten ihn ins Silicon Valley, in eine deutsch-österreichische Unternehmensberatung und schließlich zurück nach Graz an das Marketinginstitut der Universität Graz. Parallel dazu befand sich die Fachhochschullandschaft in Österreich noch in einer frühen Aufbauphase.

Als an der Vorgängerorganisation der FH CAMPUS 02, damals noch unter dem Namen „Fachhochschulstudiengänge für Berufstätige“, der Studiengang Marketing konzipiert wurde, war Jungwirth von Beginn an involviert. „Ich war sozusagen die rechte Hand des Universitätsprofessors, der das Konzept verantwortet hat – von der Bewilligung bis zum Start der ersten Studiengänge.“ Die Frage, wer im Herbst 1996 tatsächlich im Hörsaal stehen würde, beantwortete sich fast von selbst. „Dass ich 30 Jahre später noch hier sein würde, hätte ich mir damals ehrlich gesagt nicht vorgestellt.“

Verleihung FH-Professur

Lehre als Herausforderung und Lernprozess

Was die Lehre an der FH CAMPUS 02 von Beginn an auszeichnete, war für Jungwirth die besondere Zusammensetzung der Studierenden. In den Anfangsjahren waren es ausschließlich Berufstätige, viele über 40, oft in leitenden Funktionen. „Ich war jünger als die meisten Studierenden. Sie kamen nach einer 40-Stunden-Woche am Wochenende in den Hörsaal und wollten ganz genau wissen, wofür sie das Gelernte brauchen.“

Diese Haltung prägte auch ihn selbst. „Wenn man den Nutzen eines Inhalts nicht klar erklären konnte, wurde das gnadenlos hinterfragt.“ Für Jungwirth war das kein Nachteil – im Gegenteil. „Ich habe hier an der FH vermutlich mehr über Lehre gelernt als an der Universität. Dort sind Vorlesungen oft frontal ausgerichtet, hier entsteht ein echter Dialog.“

Auch die Feedback-Kultur war neu. Jede Lehrveranstaltung wurde evaluiert und das von erfahrenen Praktiker*innen. „Als junger Uni-Assistent von gestandenen Berufstätigen bewertet zu werden, war fordernd, aber extrem lehrreich.“

FH-Prof. Mag. Dr. Georg Jungwirth während einer Vorlesung

30 Jahre Wandel – strukturell und kulturell

Ein Blick zurück ins Jahr 1996 zeigt, wie stark sich die FH CAMPUS 02 verändert hat. Zwei Studiengänge, ein kleines Team, Unterricht in den Räumen des WIFI – ohne eigenes Gebäude, ohne ausgeprägte Abstimmungsprozesse. „Es gab kaum Koordination zwischen den Lehrenden. Das führte zu Überschneidungen, aber auch zu Lücken.“

Mit dem neuen FH-Gebäude am Campus Zusertal kam ein Wendepunkt. „Plötzlich hatten Studierende das Gefühl, wirklich an einer Hochschule zu studieren.“ Heute ist die FH CAMPUS 02 deutlich größer, professioneller und klar strukturiert: fünf Departments, moderne Infrastruktur, klare Zuständigkeiten. „Da hat sich unglaublich viel zum Positiven entwickelt.“

Gleichzeitig erinnert sich Jungwirth gerne an die Atmosphäre am alten Standort zurück: „Die Piazza war ein zentraler Treffpunkt. Studierende und Lehrende sind dort ganz selbstverständlich ins Gespräch gekommen.“

 

Gute Lehre braucht Begeisterung

Trotz aller Veränderungen ist für Jungwirth eines gleich geblieben: Gute Lehre braucht Begeisterung. „Wenn Lehrende nicht für ihr Fach brennen, merken Studierende das sofort.“ Gleichzeitig habe sich die Lehre an neue Generationen angepasst. Kürzere Aufmerksamkeitsspannen, höhere Erwartungen an Interaktion, mehr Aktivierung im Hörsaal. „Man bringt heute weniger Stoff durch, weil Übungen, Diskussionen und Gruppenarbeiten wichtiger geworden sind – aber genau das hält die Studierenden bei der Sache.

Für ihn ist Lehre immer ein Balanceakt zwischen aktueller wissenschaftlicher Literatur und Praxis. „Der Transfer muss gelingen. Studierende wollen wissen: Wofür lerne ich das und wie kann ich es anwenden?

Lernen voneinander – gestern, heute und morgen

Ein Prinzip aus den Anfangsjahren ist für Jungwirth bis heute zentral: das Lernen voneinander. „Wenn Menschen aus unterschiedlichen Branchen und mit unterschiedlichen Erfahrungen zusammenkommen, entsteht ein enormer Mehrwert. Die Aufgabe der Lehrenden ist es, diese Erfahrungen sichtbar zu machen und für die Lehre zu nutzen.“

Auch nach 30 Jahren im Hörsaal ist seine Motivation ungebrochen. Vielleicht, weil sich die Lehre ständig verändert und er sich mit ihr weiterentwickelt. Oder, wie er es selbst formuliert:

„Lehre bedeutet für mich seit 30 Jahren, neugierig zu bleiben – auf neue Generationen von Studierenden, neue Fragen und neue Wege, Wissen in die Praxis zu transferieren.“

 

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